02.12.2020

Empty Nesters: Wenn die Kinder flügge werden

Empty Nest

„Wir sind bald Empty Nesters,“ sagt meine Bekannte beim Kaffee und ich habe den Eindruck, sie weiß nicht, ob sie dies bedauert oder sich freut. Ihre Kinder sind bereits sechzehn und achtzehn – und: Ja, das Nest wird bald leer sein, die Kinder flügge.

 

Empty Nest Syndrom – was verbirgt sich dahinter?

„Ich wurde gebraucht als Chauffeur, Krankenschwester, Nachhilfelehrerin, Vorleserin, Rückenkraulerin, Organisatorin von Geburtstagen, Übernachtungsparties und Fahrgemeinschaften. Ich habe mich nie beklagt, habe jeden Sonntag genossen, den ich frierend auf den Fußballplätzen, in den Basketballhallen oder den beklemmenden Indoorspielplätzen der norddeutschen Provinz verbrachte. Denn ich hatte mich schon damals vor den langen und leeren Sonntagen der Zukunft gefürchtet und vor der Zeit, in der ich mein Leben wieder selbst in die Hand würde nehmen müssen.“ (Ildikó von Kürthy. Es wird Zeit. S. 69/70)

In ihrem neuen Roman lässt Ildikó von Kürthy ihre Leserinnen und Leser hinein in die Gefühlswelt der fast fünfzigjährigen Judith. Die dreifache Mutter hat in ihrem Leben zugunsten der Ehe und der Kinder zurückgesteckt. Und das hat sie gern gemacht, wie das Zitat oben beschreibt. Nun sind die Kinder aus dem Haus – und der Tod ihrer Mutter führt Judith in ihren Heimatort zurück, wo sie ihrem jungen Selbst begegnet.

Mit ihrem Zitat beschreibt Ildikó von Kürthy sehr genau, was das Empty-Nest-Syndrom ausmacht. Es handelt sich um eine Form der seelischen Ohnmacht und der Trauer, wenn die Kinder, für die man lange Jahre gesorgt hat, das Haus verlassen. Mütter und auch Väter erhalten so eine neue Rolle, die zunächst für Irritationen sorgt.

Ildikó von Kürthy lässt Judith dies deutlich aussprechen: „Erst war ich Kind, dann war ich Mutter. Ich hatte immer jemanden, der mir sagte, wo’s langging. Und jetzt soll ich erwachsen werden? Verdammt, ich will mein altes Leben zurück, in dem ich kein eigenes Leben hatte!“

Rollenwechsel vom Full House zum Empty Nest

Die äußere Veränderung durch das Flüggewerden der Kinder spielt sich in der Regel nicht von heute auf morgen ab. Langsam erweitert sich der Radius der Kinder, sie bleiben länger fort, entwickeln eigene Routinen und haben ihren eigenen Freundeskreis. Dies erleichtert es Müttern und Vätern, die neue Rolle als „Empty Nesters“ anzunehmen. Denn natürlich hat dies auch positive Seiten. Die Kinder loszulassen heißt, sich wieder seiner eigenen Wünsche, seiner eigenen Ziele anzunehmen. Welche Werte sind Ihnen wichtig? Was ist Ihnen im Leben wichtig? Was gibt Ihnen Energie? Was frisst ihre Energie eher? Welches sind Ihre Stärken? Welche Momente stärken Sie? Was sind Ihre Ressourcen im Alltag?

Kurzum, was brauchen Sie, um die Lücken im Empty Nest wieder aufzufüllen?

 

Positive Energie

Das Empty Nest zu füllen setzt positive Energie in Ihnen frei. Sie haben nun Zeit, sich neuen oder alten Hobbies bewusst zuzuwenden. Auch als Paar oder mit Freunden und Freundinnen können Sie alte Gewohnheiten wiederaufleben lassen. Sie haben früher zusammen getanzt? Dann machen Sie doch wieder einen Tanzkurs zusammen. Oder Sie unternehmen gemeinsame Städtetrips, kochen, gehen ins Theater, lernen eine Fremdsprache …

Was möchten Sie also tun?

 

Eigene Ziele, eigene Wünsche

Halten Sie bewusst inne, um sich mit Ihren eigenen Zielen und eigenen Wünschen auseinander zu setzen. Dies können Sie allein machen oder auch im Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin bzw. mit Freunden und Freundinnen. Manchmal lohnt sich auch ein Coaching-Prozess, der Sie in eine Weile im Leben begleitet. Hier können Sie sich mit verschiedenen Aspekten Ihres Lebens befassen, so etwa mit ihrem sozialen Netz, mit dem Bereich der Gesundheit, aber auch mit ihrer Arbeit.

 

Übergang als Empty Nester

Wie alle Übergänge im Leben, ist der Übergang vom aktiven Elterndasein zum „Empty Nester“ von Irritationen und von intensiven Gefühlen begleitet. Diese Phase ist ganz normal und die Gefühle stellen eine große Chance dar – nämlich die, das eigene Leben aktiv so zu gestalten, wie man es selbst möchte. Ob man sich Begleitung dafür sucht, oder nicht, ist jedem Elternteil selbst überlassen. Sollte man aus der negativen Spirale jedoch nicht herauskommen, so sollte man sich auf jeden Fall professionelle Unterstützung suchen.

 

Auch Judith, Ildikó von Kürthys Hauptfigur, erfindet sich erfolgreich neu:

„Wie oft wünschen wir uns, die Dinge wären anders, tun aber nichts dafür, um sie zu verändern? (…) Ist es nicht verrückt, etwas Neues zu wollen, aber nicht aufzuhören, das Alte zu tun? Ich will neu anfangen (…) Und ich tu endlich das, wovon ich früher mal geträumt habe: Ich werde einen Roman schreiben!“ (S. 368)

Meine Bekannte fühlt sich übrigens sehr wohl in diesem Übergang zum Empty Nester. Gemeinsam mit ihrem Mann und Freunden war sie kürzlich in Rom, der „Ewigen Stadt.“ – auf den Spuren von „Eat. Pray. Love.“ Und zu ihren Kindern hält sie währenddessen dank Skype und Co virtuell Kontakt.

 

Ildikó von Kürthy. Es wird Zeit. Wunderlich. 2019

Diesem einfühlsamen Roman wünsche ich viele Leserinnen. Die Themen? Neben dem Empty-Nest-Syndrom geht es um Liebe, um Eltern, um Geheimnisse und um eine tiefe Frauen-Freundschaft. Ein wunderbares Buch, das den Themen der Lebensmitte sensibel begegnet.

 

Bildquelle: Pixabay Free-Photos

 

Anmerkung aus der kapiert.de-Redaktion: Freut euch auf das Gewinnspiel und den passenden Podcast. Beides in Arbeit 🙂


Diesen Beitrag teilen


Alexandra von Plüskow -Kaminski

Alexandra von Plüskow -Kaminski

Alexandra von Plüskow - Kaminski ist Lehrerin. Derzeit arbeitet sie in Abordnung des Landes Niedersachsen als Bildungskoordinatorin der Bildungslandschaft Heidekreis und als Beraterin für Sprachbildung und Interkulturelle Bildung im Sprachbildungszentrum Lüneburg der Niedersächsischen Landesschulbehörde. Sie war mehrere Jahre in der Lehrkräfte-Ausbildung an den Universitäten Koblenz-Landau und Leuphana Lüneburg tätig und verfasst als freie Fachjournalistin Texte zu pädagogischen Themen für verschiedene Magazine und Verlage.