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Interview mit Dr. Stephan Kyas

Erziehungswissenschaftler und Projektleiter Digitale Medien der Bildungshaus Schulbuchverlage

Herr Dr. Kyas, knapp 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler nehmen in Deutschland mittlerweile jährlich Nachhilfe in Anspruch. Woher rührt diese Entwicklung?

Dr. Kyas: Die Bedeutung von Nachhilfe ist in den letzten Jahren angestiegen. Meist geht die Initiative dafür von den Eltern aus. Typische Elternmotive sind dabei zum Beispiel das Ausgleichen individueller, schulischer Leistungsschwächen aufgrund von Fehlzeiten oder Überforderung des Kindes in der Schule. Aber auch das Stärken von Selbstlernkompetenzen ist für Eltern wichtig.

Nicht zu vernachlässigen sind auch die gestiegenen Erwartungen an den Bildungsabschluss der eigenen Kinder. Viele Eltern möchten mit Blick auf den Arbeitsmarkt, dass ihre Kinder den bestmöglichen Abschluss erreichen – auch wenn der über der Leistungsfähigkeit der Kinder liegt.

Ein anderer Aspekt betrifft das Schulsystem, dessen wahrgenommene Mängel ebenfalls Gründe für Nachhilfe sein können. Dazu zählt beispielsweise eine nicht hinreichende Förderung der einzelnen Kinder, bedingt durch sehr volle und straffe Stundenpläne, Halbtagsunterricht oder zu große Klassen. All das lässt nicht viel Raum für individuelle Förderung im Schulunterricht am Vormittag.

Einige Studien und Untersuchungen, wie zum Beispiel die FiBS-Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, lassen den Schluss zu, dass Nachhilfe ein Mittel zur Bewältigung alltäglicher schulischer Anforderungen geworden ist. Dabei geht es nicht nur um das Vermeiden von Fünfen und Sechsen, sondern auch um das weitere Verbessern von durchschnittlichen oder guten Leistungen.

Im Gegensatz zu Eltern geben Schülerinnen und Schüler selbst eher kurzfristigere Motive für Nachhilfe an, wie das Erreichen der Versetzung oder die nächste Klassenarbeit.

Was ist Ihrer Meinung nach die häufigste Ursache für Schulstress?

Dr. Kyas: Hierbei lässt sich keine Hauptursache benennen, sondern ein Zusammenspiel zweier wichtiger Faktoren. Zum einen zehrt die hohe Arbeitsbelastung durch Klassenarbeiten oder Hausaufgaben an den Schülern. Zum anderen können Ängste dazu kommen, die daraus resultieren, Leistungserwartungen nicht zu erfüllen. Dabei sind es jedoch nicht nur die Leistungserwartungen der Eltern, sondern auch die schülereigenen. Neben diesem innerschulischen Leistungsdruck wirkt sich natürlich auch im Allgemeinen der generelle Leistungsdruck in unserer Gesellschaft sowie mögliche familiäre Probleme wie die Scheidung der Eltern auf das Stressempfinden von Kindern aus.

Und wie können Eltern ihre Kinder im Schulalltag am besten unterstützen bzw. den Stress minimieren?

Dr. Kyas: Es hilft, sich zunächst gemeinsame Ziele in der Familie zu setzen. Möchte ich als Schüler nur Einsen oder Zweien bekommen – oder reicht mir auch eine Drei oder eine Vier? Wenn das klar ist, sollten sich Eltern und Kinder überlegen, wie sie dieses Ziel erreichen können. Ein kurzfristiges, geballtes Lernen vor Klassenarbeiten kann zwar mal funktionieren, ist auf Dauer aber sehr anstrengend und stressig. Wesentlich hilfreicher ist hier ein gemeinsam erarbeiteter Lernplan von Schülern und Eltern, der Schritt für Schritt zeigt, was zu welchem Zeitpunkt gelernt werden sollte. Aber auch eine möglichst langfristig angelegte Nachhilfe ist empfehlenswert, um den Stresspegel bei Schülern dauerhaft zu senken. Sind die gemeinsamen Ziele gesteckt, können Eltern ihre Kinder zum Beispiel dadurch positiv motivieren, indem sie ein Stück weit gemeinsam mit dem Kind lernen, den Lernstoff zusammen durchsprechen oder auch mal kleine Belohnungen verteilen. Egal, welche Form des Lernens gewählt wird: Es sollte immer darauf geachtet werden, dass Interaktivität und Spaß beim Lernen nicht zu kurz kommen, denn auch das wirkt stressmindernd.

Generell sollte man sich klar machen, warum man etwas lernen möchte, also versuchen, einen Sinn darin zu sehen. Eigene Entscheidungen senken den Druck des Schülers, dass er die Anforderungen von außen nicht erfüllen kann. Damit einher geht ein weiterer positiver Effekt: Kinder können lernen, Ehrgeiz beim Lernen zu entwickeln oder sich gegebenenfalls auch mal selbst zu bremsen, womit eine Reduzierung des Leistungsdrucks einhergeht.

Wie können Eltern ihre Kinder zur Nachhilfe motivieren? Muss es immer die klassische Nachhilfe sein oder gibt es aus Sicht der Schüler spannendere Alternativen?

Dr. Kyas: Nachhilfe in ihrer klassischen Form ist weit verbreitet, aber natürlich gibt es auch Alternativen, die für Schüler wesentlich spannender sind. So nutzen fast alle Kinder ab zehn Jahren gern das Internet. Das hat die BITKOM-Studie „Kinder und Jugend 3.0“ bestätigt. Die JIM Studie hat zudem herausgefunden, dass die große Mehrheit der Schüler die Meinung vertritt, dass es für den Schulerfolg sehr wichtig ist, zu Hause Computer und Internet für die Schule zu nutzen. Es liegt daher auf der Hand, auch die Nachhilfe ins Internet zu verlegen.

Online-Nachhilfe hat gegenüber traditioneller Nachhilfe insbesondere in Sachen Flexibilität einige Vorteile: Das Lernen am Computer oder mit dem Tablet ist zeitunabhängig, ortsunabhängig und auch auf die persönlichen Bedürfnisse eines Kindes zugeschnitten. Schüler können sich so inhaltliche Schwerpunkte setzen und beispielsweise selbst auswählen, welche Übungsaufgaben sie in welcher Reihenfolge bearbeiten. So können sie ihre eigenen Lernpfade gehen. Das stärkt die Autonomie und die Fähigkeit zum selbst organisierten Lernen – ein klarer Motivationsfaktor. Allerdings muss man bedenken, dass mehr Freiheit beim Lernen auch ein gesteigertes Bedürfnis an Orientierungshilfen bedeutet. Und hier sind geschlossene und strukturierte Lernportale dem weit verbreiteten „googeln“ im Internet klar überlegen. Ebenfalls wichtig ist die Interaktivität: Wenn Kinder auf ihre Eingaben direktes Feedback von einem Lernsystem bekommen – z. B. bei Fehlern – hilft das natürlich beim Erarbeiten der richtigen Lösung.

Am Markt gibt es bereits diverse Lernsysteme. Bei dem Online-Lernportal kapiert.de finden Sie beispielsweise alle wichtigen Elemente für ein motivierendes und strukturiertes Lernen vereint: Individuell auf den Lernstand des Schülers zugeschnitten, Freiheit in der Aufgabenbewältigung, Interaktivität und Feedback.

Und wie genau funktioniert kapiert.de?

Dr. Kyas: Auf dem interaktiven Lernportal kapiert.de können sich Schüler ihr eigenes Profil anlegen und genau definieren, bei welchem Thema sie in der Schule stehengeblieben sind oder etwas nicht verstanden haben. So können sie ohne Umweg genau dort einsetzen oder weiter machen, wo sie im Unterricht aufgehört haben oder etwas unklar geblieben ist.

In kapiert.de gibt es derzeit ca. 15.000 Lerneinheiten, die genau zu den gültigen Bildungsplänen passen. Die Themen werden multimedial und schülergerecht erklärt und können anschließend interaktiv geübt und getestet werden. Auf ihre Eingaben bekommen die Schüler direktes Feedback vom System – und das hilft beim selbständigen Erarbeiten der richtigen Lösung. Dass sich die Kinder im Portal eigene Lernziele gemäß ihrer Bedürfnisse setzen können, motiviert zusätzlich.

Zurzeit ist kapiert.de für die Klassen 7 und 8 angelegt – und zwar für die Hauptfächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Es folgen die Klassenstufen 9 und 10 zum kommenden Schuljahr und im Frühjahr 2016 dann die Jahrgänge 5 und 6. Die aktuellen Schulbücher der Verlage der Westermann Gruppe sind in das Portalintegriert, wobei man auch ohne Schulbuch nach Themen lernen kann.

Demnach spielt der Motivationsfaktor bei der Nachhilfe eine entscheidende Rolle?

Dr. Kyas: In jedem Fall. Durch Nachhilfe kann das einzelne Kind individuell gefördert werden – und das ist etwas, das die Lehrkräfte in der Klasse verständlicherweise nicht unbedingt optimal leisten können. Die individuelle Auseinandersetzung mit den Kindern motiviert ungemein und hilft, neue Lernfortschritte zu erzielen. Und wenn die Schüler Spaß am Online-Lernen haben und entsprechend ihrer Lernfähigkeit gefördert werden, ist das ein wesentlicher Schritt zu mehr Motivation und zur Verbesserung der schulischen Leistung.